F. L. Jahn und die Arbeiter-Turnbewegung

29.07.2020

Unterschiedliche Ansichten

F. L. Jahn und die Arbeiter-Turnbewegung
Arbeiter-Turner mit Jahn-Büste

(I.W.) Friedrich Ludwig Jahn, in einem dörflichen Pfarrhaus geboren, wurde von allen Turnbewegungen, ganz gleich welcher politischen oder religiösen Richtung sie angehörten - zumindest vorübergehend - als Gründer und Inspirator ihrer Leibesübung geschätzt. Es zeigten nicht nur liberale, nationale und religiöse Turnbewegungen ein Naheverhältnis zu Jahn.

In den Anfängen - und teilweise danach - war auch die Arbeiterturnerschaft auf Jahn fixiert. So ergab es sich, dass die Arbeiter-Turn-Zeitung Jahn als Sozialrevolutionär feierte, während zur selben Zeit die Deutsche Turnerschaft den kaisertreuen Jahn  als Idol sah. (Nittnaus/Zink, 11)

Liederbuch 1894

  Ansichtskarte um 1907

Handbuch ATB 1914

 Jahnhuldigung in der Arbeiter-Turnbewegung

In den späten 1920er-Jahren schrieb Fritz Wildung (1872-1954) - Leiter der Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege (1919-1933) -  in seinem 1929 erschienen Buch „Arbeitersport“ (23): Von der bürgerlichen Turnbewegung ist die Legende (Jahn) auch auf die Arbeiterschaft übertragen worden. So hat nicht viel gefehlt, dass Jahn auch zum Säulenheiligen der Arbeitersportbewegung geworden wäre.“ Die Österreichische Arbeiter-Turnzeitung (1926, Nr. 1, 18) hielt fest: „Jahn, den man gemeinhin den Turnvater des deutschen Turnens nennt, war kein Freiheitskämpfer im demokratischen, noch weniger im revolutionären Sinne, sondern ein königlich preußischer Patriot, ein Reaktionär im vollsten Sinne des Wortes.“

Auf der oben gezeigten Medaille - 1907 oder danach geprägt - da bereits der Wahlspruch der Arbeiterturnbewegung „Frisch, Frei, Stark, Treu“ aufscheint, ist auch Friedrich Ludwig Jahn verewigt! (Rampelmann, 153)

In der Arbeiter-Turn- und Sportzeitung (Jg. 1931, Nr. 8 u. weitere Ausgaben) präsentiert Hermann Sinsheimer (1883-1950) eine kritische Biographie des „Turnvaters“. Der deutscher Jurist, der als Journalist, Theaterkritiker  und Schriftsteller bekannt wurde und als Jude  in der Zeit des Nationalsozialismus  über Palästina  nach England  fliehen musste, geht mit Jahn, den er zwar als „Turnfachmann“ anerkennt, mehr als hart ins Gericht:

[  ] „Jahn, so laut lärmend er trommelte und warb gegen Napoleon und für die deutsche Einheit, war kein Erzieher der Deutschen, sondern er hat sie verzogen – zur Selbstüberhebung, zur Enge, zur Blicklosigkeit. Darum ist – im Politischen und Geistigen – Jahn großes und mitreißendes Temperament fruchtlos geblieben, darum musste er sich selbst im Alter untreu werden, seine Rechnung stimmte nicht.

Sie stimmte so sehr, so augenfällig und auf so groteske Art nicht, dass das bisschen Tragik, das auf Jahns Leben lag, vom Komischen fast aufgesogen wurde. Jahn, der als junger Mensch schon altertümelte – vom Teutonischen bis zum Friderizanischen (Regierungszeit Friedrichs des Großen), wurde in seinen besten Jahren selbst altertümlich und überlebt – ein stumpfer, klischeemäßiger Buntdruck! So hat sich sein Unzulängliches an ihm bitter gerächt.“ (Sinsheimer, 1931) So jedenfalls sah die Arbeiterturnbewegung den Turnvater in den 1930er-Jahren.

In der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, musste der einstige Monarchist Jahn, der von 1933 bis 1945 12 Jahre von den Nationalsozialisten vereinnahmt worden war, unmittelbar nach den Zweiten Weltkrieg für die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands sein Gesicht zeigen. Jetzt hieß es auf einmal: „Er war ein echter Demokrat.“

Es dauerte nicht lange, bis er von der Sozialistischen Eiheitspartei Deutschlands (SED), hervorgegangen aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD, aufs Schild gehoben wurde.

 

Es war Walter Ulbricht, der im Osten Deutschlands (1950-1971) dafür eintrat, dass Persönlichkeiten wie Jahn in ihrer historischen Bedeutung dargestellt werden. (zit. n. Wellner, 105) Jahn wurde erneut zum Idol erhoben. Diesmal aus der Sicht eines marxistischen Geschichtsverständnisses als Vorbild eines sozialistischen deutschen Einheitsstaates.

Die „Friedrich Ludwig Jahn Medaille“ (1961) galt in der DDR als die höchste Auszeichnung für verdiente Sportler, Trainer und Funktionäre. (Kluge, 35) 

 

Dass es bei den Arbeiter-Turnern verschiedene Ansichten zu Jahn gegeben hatte, zeigt ein Artikel aus dem Jahre 1953. (ASKÖ-Sport 1953, F. 9) von Franz Winterer, ASKÖ-Präsident von 1945 bis 1966:

„[ ] Lediglich die Arbeiterturner, seit 1892 im allmählichen Wachstum und nach 1918, dem Wirksamwerden der Sozial- und Freizeitgesetze, im steilen Aufstieg, wurzelten in jenem Freiheitsideal des Turnvaters Jahn, das im Volk den Träger sieht und daher in der Demokratie die Sicherung der Freiheit erblicken muss. Wenn Jahn heute leben würde, er wäre sicherlich unter uns, dem Arbeiterturnertum. [ ] Jahn würde heute, so wie wir es tun, die Welt gegen die Finsterlinge rufen, die - das ist die heutige Fremdherrschaft von links und rechts - von Freiheit faseln und die Demokratie missachten. Der Freiheitsbegriff des Turnvater Jahn ist heute der Freiheitsbegriff der Welt. Freie Menschen in einer demokratischen Welt freier Völker, die der sozialen Gerechtigkeit zustrebten und dadurch den wahren Frieden erringen werden. 

Dies klingt so ähnlich wie die Feststellung von Hellmut Diwald (1991): "Wir könnten heuete in Friedrich Ludwig Jahn, falls er noch leben würde, geradezu einen Kandidaten für das Europaparlament begrüßen." (Diwald, 126)

Mehr zu Jahn siehe "Turnen in Österreich" Seite 10

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