Kurt Ring zum Gedenken

25.10.2019

verschollen am Dhaulagiri IV seit 50 Jahren

Kurt Ring zum Gedenken
Kurt Ring+ verschollen am Dhaulagiri IV seit 10. November 1969 (Foto Sammlung Wöll)
Hannes Strohmeyer:  Wir gingen gemeinsam in das Realgymnasium St. Pölten, wir turnten, wanderten, kletterten … Es waren für uns jugendlich-unbeschwerte, fröhliche Zeiten, diese späten vierziger und die fünfziger Jahre im Rahmen der Turn- und Sportunion, wenn auch das wiedererstandene Österreich noch die Demarkationslinien der Besatzungsmächte teilten. Bei den Jungturnern bildeten Kurt und ich bald mit Ferry Peham und Otto Selzer ein unzertrennliches Kleeblatt. Fritz Wöll, unser Turnwart und stark prägender väterlicher Freund, formte uns zu Vorturnern und Mitglieder der nö. UNION-Landesriege. Bald starteten wir, mit wechselndem Erfolg, bei den UNION-Landesmeisterschaften und Bundeskampfspielen sowohl im Kunsturnen als auch in den damals noch häufig mit leichtathletischen Disziplinen gemischten Wettkämpfen. Wesentlich erfolgreicher schnitten meistens freilich unsere etwa gleichhalten Turnerinnen wie Heidi Prokop (verh. Eberhardt), Edda Heintschl u.a. ab. Großartig fanden wir die Möglichkeit, an Sommerabenden im Kaltbad formlos mit den damals ganz hervorragenden ASKÖ-Turnern wie Bilas, Korherr (später ÖTB), Waldert, Wallner usw. mitzutrainieren.
 
Fritz Wöll stand in der Tradition des Turnerbergsteigens und so konnte es nicht ausbleiben, dass wir manche Sonntage mit Wanderungen und Radtouren verbrachten. Erste Kletter- und Abseilübungen am Hainfelder Kirchenberg steigerten sich zu wundervollen Bergwochen (Gesäuse, Silvretta) unter der behutsamen und nie langweiligen Leitung unseres Fritz. Kurt und ich, aber auch Ingrid Hieger (seit 1963 verh. Ring +) verlagerten schließlich den Schwerpunkt unserer Aktivitäten in die Jungmannschaft des Österr. Alpenvereins, wobei unsere solide turnerische Ausbildung zweifellos eine wertvolle psychomotorische Basis darstellte. Kurt wurde bald zum perfekten Spitzenmann in Fels und Eis, der mit kongenialen Partnern wie Leopold Ott, Herwig Handler, Franz Lindner u.a., besonders aber mit seiner Seil- und Lebenspartnerin Ingrid viele der schwierigsten Bergfahrten in den Ost- und Westalpen durchführte (z.B. Große Zinne – Nordwand – Direttissima, Grandes Jorasses – Walkerpfeiler). Daneben wirkte er als Leiter der ÖAV-Jungmannschaft und technischer Leiter des ÖBRD (Ortsstelle St. Pölten). Beruflich konnte er sehr erfolgreich als Dentist in Obergrafendorf Fuß fassen.

Kurt Ring 1933 – 1969

Sein Traum, mit teilzunehmen an der Erforschung eines Himalayariesen, ging in Erfüllung.

Knapp vor dem Gipfel des bisher unerstiegenen Dhaulagiri IV, 7.661 m, riss ihn und seine treuen fünf Bergkameraden am 10. November 1969 vermutlich eine Lawine in die Tiefe. Stärker als alles bergsteigerische Können war die Gewalt der Natur.

Das ewige Eis ist seine letzte Ruhestätte.

 
Es war alles in allem kein Wunder, dass das St. Pöltner Bergsteiger-Ass“ (so eine Zeitung) schließlich als stellvertretender Leiter in die Himalaya-Expedition 1969 der Wiener ÖAV-Sektion Edelweiß berufen wurde. Ziel sollte der 7.661 m hohe Dhaulagiri IV in Nepal sein. Dieser noch unbestiegene Berg (nach der Höhe der 47.Weltberge) stellt dann der Expedition in Form einer Felsbarriere und eines über 6.000m hinausragenden Vorgipfels ein schwieriges Problem vor seinem eigentlichen Gipfelgrat entgegen. Schon schien das Ärgste überwunden, als die 5 Gipfelbergsteiger und 1 Sherpa am 9. November in 6900m Höhe das (letzte) Lager (V) errichteten. Doch blieb der abendliche Funkkontakt an diesem Tag das letzte Lebenszeichen des gesamten Teams! Brachte ein Wächtenbruch oder eine Lawine oder ein plötzlicher orkanartiger Windstoß das Ende? Wurde vorher der Gipfel erreicht? Alles Fragen ohne Antworten. Die Nachsuche vor Ort und dann mit Hubschrauber blieb erfolglos und löste das schreckliche Rätsel nicht. Auch bei der durch Funkmeldung abgesicherten Erstbesteigung durch 2 Japaner 1975 wurden keinerlei Hinweise gefunden. (Es verschwanden übrigens auch diese beiden Erstbesteiger im Abstieg auf ungeklärte Weise!)
 
Alle Hoffnungen der Angehörigen, darunter Kurts Eltern, seine Gattin und der erst wenige Jahre alte Sohn Gerald („Gerry“), erwiesen sich letztendlich als vergeblich.
 
Für die auf so unerklärliche Weise Verschollenen fand unter Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Franz Jonas eine große Trauerfeier am 12. Februar 1970 statt. Die Gemeinde Wien stiftete ein Ehrengrab und für Kurt Ring errichtete die ÖAV-Jungmannschaft St. Pölten auf dem Tirolerkogel bei Annaberg ein Erinnerungsmal.
 
Anlässlich des 50. Todestages der schrecklichen Tragödie gedenkt  die SPORTUNION St. Pölten in Hochachtung und Trauer ihres einstigen Mitglieds.
 
Univ. Prof. Hannes Strohmeyer, geb. 1932 in Hollabrunn, verbrachte seine Jugend in St. Pölten und war als Forscher und Lehrer, zuletzt als Abteilungsleiter für Sportgeschichte, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1995 tätig.
 
Aus dem Tagebuch von Kurt Ring+
 
„Delhi, 8. Sept. 1969 Hotel Ashoka 22.00 Uhr.
 
Vor mir liegt Dein Bild – Ingrid, mit Gerald und meine Gedanken weilen bei Euch. Doch vor mir liegt auch der Traum meiner Jugend, der mir jetzt im Mannesalter in Erfüllung geht. Wird sich der Einsatz lehnen, die Mühen der Arbeit, die lange Trennung von Euch das große Erlebnis aufwiegen?
Gestern in Schwechat war ich mir noch ganz sicher doch heute, fern von Euch, wünsche ich fast bei Euch geblieben zu sein ….
Letztes Foto vom Basislager vor dem Aufbruch ins Unglück; von links die fünf Verungglückten Richard HOYER, Peter NEMEC, Kurt REHA, Kurt RING, und Peter LAVICKA (UNION/FREIZEIT 1999, F. 5)

Kurt Ring + 

Mit sonnigen Glauben zogst Du hin,

Den Traum Deines Lebens zu krönen.

Vom Bergkranz mit erdfernem Gipfelglühn

Bricht der Abschiedsgang mit allem Schönen!

Dein Wesen, Dein Blick, Dein Glücksruf Im Wind

Verwehn wie die Lieder,

Die uns gemeinsam verklungen sind.

Opfergeschick – wir fassen es kaum!

Am Dhaulagiri verglüht Dein Traum.

1.12.1969 / Leopold Ott

 

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