Geschichte der Turnvereine St. Pöltens - 2020: "75 Jahre UNION"

04.03.2019

Geschichte der Turnvereine St. Pöltens - 2020: "75 Jahre UNION"
Urkunde aus dem Jahre 1914 - Turn-Wettkampf anlässlich "10 Jahre CdTV-St.Pölten".

2020 begeht die SPORTUNION St. Pölten die 75. Wiederkehr des Gründungsjahres. Mit ein Grund, dass die Entstehungsgeschichte des Vereins aufgearbeitet wird und nach den Wurzeln der Turnbewegung geforscht wird. Wer glaubt, zur Geschichte der Turn- und Sportbewegung St. Pöltens einen Beitrag liefern zu können, ist eingeladen, sich mit Ingolf Wöll (ingolf.woell@aon.at) in Verbindung zu setzen. Gesucht werden Fotos, Dokumente, Plakate, Zeitungsausschnitte, Urkunden und "Geschichten rund um das Sportgeschehen in St. Pölten".

Vorgeschichte: Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs im März 1938 an das nationalsozialistische Deutschland  wurde die Christlich-deutsche Turnerschaft (CDTÖ) - die Vorgängerorganisation der Sportunion - umgehend aufgelöst. So auch in St. Pölten. Das Vermögen des Vereins wurde beschlagnahmt. Katholische Männer, die den "Turnrat" bildeten, wurden unter Beobachtung gestellt und hatten mit Schwierigkeiten zu rechnen. Der Christlich-deutsche Turnverein St. Pölten hatte vor seiner Auflösung 716 Mitglieder und war hinter dem CDTV-Wr. Neustadt (959) der zweitgrößte Verein in der christlichen Turnbewegung von Niederösterreich.

Der Beginn der Christlich-deutschen Turnbewegung in St. Pölten ging von ehemaligen Mitgliedern des Turnvereines St. Pölten 1863 aus: Odo Hahn, damals Steueramtspraktikant, trat 1888 in den deutschen Turnverein St. Pölten 1863 ein, brachte es dort zum Turnwartstellvertreter und leitete 1897 und 1898 die „Alte-Herren“-Riege. Anlässlich eines Schauturnens am 18. Mai 1898, wurden Hahns Riegenmitglieder beim Einmarsch in den Festsaal wegen ihrer christlichen Gesinnung mit Schimpfworten bedacht. Da die Belästigung  kein Ende nehmen wollte, legte Hahn deshalb sein Vorturneramt am 21. Jänner 1899 nieder und trat aus dem Verein aus.

Katholisch gesinnte Männer hatten sich dadurch zwischen 1899 und 1903 eine „Turnsperre“ in St. Pölten auferlegt. - Erst am 16. März des Jahres 1903 nahmen 19 Männer unter Führung von Odo Hahn die Turntätigkeit im Turnsaal der Übungsschule wieder auf. Trotz heftiger Anfeindung von allen Seiten und teilweiser Verständnislosigkeit aus nahestehenden christlichen Kreisen gelang es Odo Hahn am 13. März 1904 den "Christlich-deutschen Turnverein St. Pölten" (CDTV) zu gründen.

Auf das heutige Staatsgebiet von Österreich bezogen war der neu gegründete Verein in St. Pölten der erste christliche Turnverein außerhalb von Wien. In "Etlingers Gasthof" in der Kugelgasse wurde von den christlichen Turnpionieren St. Pöltens der erste Turnrat, mit Professor Martin Spiegel als Obmann, gewählt. Ihm zur Seite standen Professor Rudolf Suchanek (Obmann Stellvertreter), Professor Alfons Frick (Schriftwart), Offizial Odo Hahn (Turnwart), Schriftsetzer Karl Exel (Turnwart Stellvertreter), Kaufmann Franz Haumer (Zahlmeister), Tischler Karl Beierböck (Zeugwart) und als Beisitzer der Hochw. Herr Domkurat Rebersky und Hans Reizl (Anstreicher).

Odo Hahn mit Turnerriege 1905. Turnerpyramide zu ehren der im Reichsrat vertretenen „wackeren Turnbrüder“ Alfred Schmid und Johann Wohlmeyer.

Wenn auch in den Satzungen, unter § 1 festgehalten war, dass die Christliche Turnerschaft „unpolitisch“ sei, so heißt das nicht, dass Leibesübungen - ganz gleich in welchem Turnverband - in einem politikfreien Raum betrieben worden wären. Die Freude im Verein groß „als bei der Reichsratswahl am 14. März 1907, mit Alfred Schmid und Johann Wohlmeyer zwei Turnbrüder aus den eigenen Reihen in das Parlament gewählt wurden.“ Später dann, ab Mitte der 1930er-Jahre, bekannte sich die CDTÖ eindeutig zur Christlichsozialen Partei Österreichs.

Männerriege des CDTV St. Pölten aus den 1920er-Jahren. Josef Langer (2.v.l.), war nach 1945 in der UNION St. Pölten als Vorturner tätig. Leopold Figl (4.v.l.), der spätere Bundeskanzler und NÖ Landeshauptmann, war während seiner Studienzeit Mitglied im CDTV St. Pölten und Leopold Harmer (6.v.l.), zählte 1945 zu den Gründungsmitgliedern der UNION St. Pölten.

„Wir Turner wollen sein die Sturmtruppe der Christlich-deutschen Volksbewegung zum Schutz der Heimat für ein glückliches Österreich.“

(CDTÖ-St. Pölten, Festschrift 1924, S. 20).

Der CDTV St. Pölten und vor allem Odo Hahn, der 1909 einen „Leitfaden für Vorturner“ in Buchform veröffentlichte, hatten wesentlichen Anteil am Aufstieg der christlichen Turnbewegung in Österreich. Anlässlich des zehnjährigen Bestandfestes des St. Pöltner Turnvereins am 31. Mai 1914 wurde die Gründung des „Reichsverbandes der Christlich-deutschen Turnerschaft Österreichs“ (CDTÖ) vollzogen. Der St. Pöltner Odo Hahn wurde zum Verbandsturnwart gewählt. Mit der Gründung des Reichsverbandes war eine langjährige Aufbauarbeit zum äußeren Abschluss gekommen und mit vorerst 49 Vereinen wurde die Einheit der Christlich-deutschen Turnbewegung hergestellt.

Schauturnen auf der Sportanlage der Trabrennbahn in den 1920er-Jahren. Eine interessante Gerätekombination: Ein Turner bewegt sich aus dem Zehenhang am Reck zum Oberarmhang am Barren. Hackl zählte zu den besten Turnern im CDTV-St. Pölten. Beim Verbandsturnfest 1925 in Graz  scheint er in der „Siegerliste“ auf Platz 10 im Zwölfkampf auf.      Links im Bild Leopold Harmer.

Nach dem Ersten Weltkrieg war es wieder die Stadt St. Pölten, in der am 12. November 1921 die Verbandsleitung der CDTÖ tagte und bei dem die Grundgesetze der Verbandsvereine einhellig festgelegt wurden. Odo Hahn aus St. Pöltner wurde erneut mit einer verantwortungsvollen Verbandsfunktion betraut und  zum Obmann des „Reichsverbandes der Christlich-deutschen Turnerschaft für das Gebiet Deutsch-Österreich“ gewählt (1921-1923).

Weitere CDTÖ-Turnvereine in St. Pölten (1937) auf das heutige Stadtgebiet bezogen: Pottenbrunn (gegründet 1926) 93 Mitglieder, Viehofen (gegr.1928) 109, St. Georgen (gegr. 1931) 113, Spratzern (gegr.1932) 68, Stattersdorf (gegr.1935) 104.

In der Zwischenkriegszeit verschlechterte sich das politische Klima immer mehr. Die Turn- und Sportvereine standen sich feindschaftlich gegenüber. Es gab keinen Wettspiel- oder Sportverkehr zwischen dem Deutschen Turnerbund, der Arbeiter-Sportbewegung und der Christlichen Turnerschaft. Die Verbände nahmen immer mehr militärischen Charakter an. Die Februar- und Juli-Aufstände 1934 und die Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß führten zu den unrühmlichen Bürgerkriegsereignissen. Auch die CDTÖ, die  ihre „Wehrzüge“ dem Schutzkorps der Exekutive zur Verfügung stellte, blieb davon nicht verschont. Am 19. Juni 1933 wurde ein Trupp christlich-deutscher Turner im Alauntal bei Krems von SA-Leuten mit Handgranaten beworfen. Dabei wurden 30 Turner verletzt und ein Turner aus  Ybbsitz erlag seinen schweren Verletzungen.

1934 wurden, nachdem die Vereine des Arbeitersports aufgelöst wurden, alle Turn- und Sportverbände und Vereine „zum Zwecke einheitlicher vaterländischer Führung und zielbewusster Förderung“ der „Österreichischen Sport- und Turnfront“ unterstellt. Die österreichische „Turnfront“ als Untergliederung derselben vertrat zum Großteil eine christlich-deutsche, dem österreichischen Vaterlandsbegriff entsprechende Zielsetzung.

1936 konnte in St. Pölten nach Rodung der Au und nach 10-Jähriger Bauzeit der „Sportplatz am Kugelfang“ eingeweiht werden. Zur Erinnerung an den Vereinsgründer erhielt er den Namen „Odo Hahn-Platz“. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Platz in das Eigentum der UNION St. Pölten über und bildet heute einen Teil der UNION-Sportanlage.

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