Die Arbeiter-Turn-und Sportbewegung St. Pölten

11.04.2017

Von den Anfängen bis zum Jahr 1934

Die Arbeiter-Turn-und Sportbewegung St. Pölten

Wir werden niemals aufhören für den Achtstundentag zu kämpfen

(Ingolf Wöll) Im auslaufenden 19. Jh. hatte die arbeitende Bevölkerung, nach einem Arbeitstag mit 12 bis 16 Stunden kaum Sehnsucht nach Spiel und Sport. „Wir werden niemals aufhören, für den Achtstundentag zu kämpfen!“, forderte damals unermüdlich der Führer der Sozialdemokraten Dr. Victor Adler (1852-1959). Der Achtstundentag für Fabrikarbeiter und die Unterstützung für Arbeitslose wurden erst im März 1919 zum Gesetz erhoben und das Arbeiterurlaubsgesetz vom 21. Juli 1919 räumte erstmals den Arbeitern das Recht auf bezahlten Urlaub ein. Der „Arbeiterbewegung“ ist es vorrangig zu verdanken, dass nach einer Reduzierung der Arbeitszeit, Arbeiter auch an ein gesundes Bewegen in der Freizeit denken konnten.            

Walter Weber (1925-2012), turnte als Kind im ATUS-St. Pölten. Sein Vater, übte im Verein vor 1934  verschiedene Funktionen aus: Vorturner, Sekretär und Obmann.

In einem Interview für das Buch „Sport in St. Pölten“ (2007) fasst er zusammen: „Die Arbeiter-Sportbewegung hat viel zum Wohl der arbeitenden Menschen beigetragen. Arbeiterkinder in den 1920er- und 1930er-Jahren, vielfach auf sich selbst angewiesen, waren im Arbeiter-Turnverein in eine Gesinnungsgemeinschaft eingebettet und gut aufgehoben. Sie hätten sich damals in den sogenannten bürgerlichen Organisationen nicht wohl gefühlt und wären als Außenseiter behandelt worden. Grausam waren die brutalen Auseinandersetzungen der politischen Parteien, teilweise mit Waffengewalt ausgetragen, die bedauerlicherweise auch in die Sportvereine hineingetragen wurden. Es ist zu wünschen, dass kommende Generationen nicht ein ähnliches Schicksal erdulden müssen, wie die vielen Menschen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts.“

1889 wurde mit dem Arbeiterfortbildungsverein in St. Pölten die erste Organisation der Arbeiterschaft gegründet. Die Seele des Vereins war der Schneidergehilfe Johann Ressel. Wegen seines Eintretens für die Rechte der Arbeiterschaft erhielt er in St. Pölten nirgendwo Arbeit und musste deswegen nach Graz abwandern. (St. Pöltner Nachrichten) 1953, F. 12)

Der Eisenbahner Josef Hable gründete 1895 im Gasthaus Schülke in der Passauer Straße 44 (Gasthaus zum Eisenbahner) den Turn- und „Athletig“-Club Hable, aus dem 1910 der erste „Athleten-Klub Milon“ hervorging.

   

    Sammlung Wöll

Nach dem Vorbild des ersten Wiener Arbeiter-Radfahrvereins „Die Biene“ (1893) wurde 1901  ein Arbeiter-Radfahrerklub in St. Pölten ins Leben gerufen (Gutkas, 1958) und 1906 kam es zur Gründung einer  Ortsgruppe des Touristenvereins „Die Naturfreunde“. Verhältnismäßig spät, nämlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden im „Sturm 19“ die Fußballer und die Turner im „Turnverein Freiheit St. Pölten“ (1919) aktiv.

Arbeiter-Fußballer im Gründungsjahr von „Sturm 19“ (1919). Im Hintergrund die „10 Häuser“ im Stadtteil Viehofen. Archiv Sturm 19

Von 1900 bis zur Volkszählung 1923 verdoppelte sich die Einwohnerzahl von St. Pölten auf 31.626 Einwohner. Die Ansiedlung der Industriebetrieb J. M. Voith und Glanzstoff-Fabrik führte dazu, dass sich viele Arbeiter-Familien in St. Pölten ansiedelten. Kein Wunder, dass es in den frühen 1920er-Jahren nach Einführung des Achtstundentages, zu einem Aufblühen der Arbeitersportbewegung in St. Pölten kam. Die Wahl von Hubert Schnofl (1852-1918) zum Bürgermeister (1919-1933) läutete die sozialdemokratische Ära im St. Pöltner Gemeinderat ein.

Für Sozialdemokraten war es Ehrensache, einem Arbeiter- Turn- oder Sportverein anzugehören. Marianne Schnofl, Gattin von Bürgermeister Hubert Schnofl (1919-1933) war Mitglied im Turnverein „Freiheit“ St. Pölten. Archiv SPÖ  

Der Arbeitersport vertrat eine gänzlich andere Weltanschauung als der „Sport der besitzenden Klassen“: Die Leibesübungen sollten die Gesundheit des Arbeiters kräftigen, Krankheiten fernhalten und dadurch auf ganz natürlichem Weg das Lebensglück vermehren und zu einer gesunder Denk- und Lebensweise führen und die Vermeidung lasterhafter Gewohnheiten zur Selbstverständlichkeit machen.

Frisch Frei StarkTreu

Wir wollen keine Sportkanonen züchten und keinen Rekorden nachjagen. Unser Ziel ist die Ertüchtigung der Massen!“ (Deutsch, 1931) Nur eine „Massensportbewegung“ kann „im Sinne der Volksgesundheit Nützliches leisten“ und „kein Parteimitglied darf Mitglied einer bürgerlichen Sportvereinigung sein!“ (Hans Gastgeb, 1927)

 

Sammlung Wöll

Buchbindermeister, Stephan Buger (1877-1951), gehörte ab 1918 dem Gemeinde- bzw. Stadtrat an und war von 1933 bis 1934 Bürgermeister der Stadt St. Pölten. 1919 wurde er von der  sozialdemokratischen Lokalorganisation mit der Gründung eines Arbeiterturnvereins (ATUS) in St. Pölten beauftragt. (Volkswacht 21.8.1919) Turnlehrer Karl Stocksmayr (1880-1959), er leitete vor dem Ersten Weltkrieg die Privatturnschule im TV St. Pölten 1863 (St. Pöltner Deutsche Volkszeitung 1913, Nr. 25) wurde mit der turnerischen Leitung betraut. Ihm oblag auch die sportliche Leitung der Kinderfreunde, die mit mehr als 50 Mitgliedern und über 1.200 Kindern einen großen Zulauf hatten. Der neu geschaffene Turnverein war neben dem TV St. Pölten 1863 und dem 1904 gegründeten Christlich-deutschen Turnverein die dritte Turnvereinigung in St. Pölten. (1921 stieß noch der Jüdische TV "Makkabi" dazu) Geturnt wurde jeden Mittwoch und Samstag in den Abendstunden in der städtischen Turnhalle am Schillerplatz (heute: Forum). U. a. wurde auch ein „Schönheitsturnen“ angeboten.

Sammlung Wöll Im Dezember 1921 zeigte der Turnverein „Freiheit“ bei einem Schauturnen sein beachtliches Können. Junge Genossinnen eröffneten mit exakt und graziös ausgeführten Freiübungen das umfangreiche Programm. (Volkswacht 15.12.1921) Genosse Buger, wurde zum Ehrenobmann ernannt.

Sammlung Wöll Arbeiter-Turner 1921: Franz Hartinger, Walter Weber, Gruber, Skrober, Franek, Reichl, Pommer, Franz Schmaldienst, Mitterholzer, Karl Dichler.

1921 schlossen sich die St. Pöltner Arbeiter-Sportvereine zum „Ortsausschuss für Sozialistische Körperpflege“ (Sokö) zusammen. 1922 waren im „Sokö“  folgende Vereine vertreten: Naturfreunde, Turnverein „Freiheit“, Arbeitersportverein „Sturm 19“, Arbeiter-Sportklub „Schwarze Elf“, die Sportsektion der Ortsgruppe St. Pölten der jugendlichen Arbeiter, die Jugendwandergruppe, die Radfahrer, die Sportvereinigung der Verbindungskompanie (Brigade III), der Arbeitersportklub Spratzern, die Kreisparteileitung und der Soldatenrat. (Volkswacht 1922, Nr. 27)

Aufruf in der Volkswacht 1922, F. 15: „[…] Werktätige, fördert den Sport, helft mit, die Arbeiterschaft und besonders unsere Jugend für den Sport zu gewinnen, wenn ihr wollt, dass unsere Nachkommen zu gesunden und tatkräftigen Menschen heranwachsen. Helft mit, jenen den rechten Weg zu weisen, die noch immer beim Alkohol Erfrischung suchen, die sich, beeinflusst von der Wirkung dieses schädlichen Giftes, allem Verderblichen hingeben. Gerüstet, körperlich und geistig, wollen wir der Zukunft entgegengehen. Nicht willenlos, nicht unselbstständig sollen wir leben, nach Kraft, nach Licht, nach Freiheit wollen wir streben.“


Sammlung Wöll Statt einer Weihnachtsfeier wird 1922 die Winter-Sonnenwende gefeiert.

Sammlung Wöll Vorbereitung einer Schauveranstaltung in den 1920er-Jahren.

Arbeitsgenossen! Wir richten an Euch die dringende Mahnung: Erhaltet Eure Gesundheit, sorgt für eine ungeschwächte Arbeitskraft, Eures einzigen Kapitals! Die beste Medizin ist die Vorbeugung. Wer nicht krank werden will, muss den Körper pflegen.  Das beste und wirksamste Mittel zur Erhaltung der Gesundheit und zur Hebung der Körperkraft ist das Turnen. Das Turnen bringt alle Muskeln, die bei der beruflichen Arbeit stillliegen, in Bewegung und Tätigkeit und kräftigt sie. Aber nicht nur das Turnen, sondern auch der mit ihm verbundene Sport und das Spiel bieten gesundheitliche Vorteile und erzeugen in allen Dingen eine fröhliche, heitere Gemütsstimmung, lassen uns die Alltagssorgen vergessen und machen uns zu frohen, glücklichen Menschen.

Darum, Arbeitsgenossen, sollt Ihr nicht länger säumen, kommt in unsere Reihen, denn: „Dem Volke gilt’s, während (wenn!) wir zu spielen scheinen!“  Der Turnrat

Dass sich der ATUS-St. Pölten gut entwickelt hat wurde bei der Hauptversammlung 1923 bestätigt. Die Zahl der Mitglieder war von 196 auf 609 angestiegen. Turnsektionen wurden in Spratzern und Harland eingerichtet.

Aus zwei Arbeitersportorganisationen, dem Verband der „Arbeiter- und Soldatensportvereinigung“ (VAS) und der „Zentralstelle der österreichischen Arbeiterturnvereine“ wurde 1924 in Österreich als Plattform aller „klassenbewusster Arbeiter“ der Arbeiterbund für Sport und Körperkultur (ASKÖ)“ gegründet. (seit 1972 Arbeitsgemeinschaft für Sport- und Körperkultur Österreich (ASKÖ).

 

1924 wurde Heinrich Schneidmadl (1886-1965) zum Obmann des geschäftsführenden Bezirksausschusses gewählt. Zu den Höhepunkten zählten die Bühnenschauturnen in den Stadtsälen, die lt. „Volkswacht“ eine „prächtige Demonstration proletarischer Körperkultur“ darstellten und zum Fixprogramm der örtlichen Partei zählten.

Die „Wehrhaftmachung der Arbeiter“, zurückzuführen auf  die politischen Auseinandersetzungen, wurden für die Arbeitersportler immer mehr zu einer vordringlichen Aufgabe. Vor allem nach den Vorkommnissen 1927 in Schattendorf (Burgenland) und den Demonstrationen in der Wiener Innenstadt (Brand des Justizpalastes) wurde der Zulauf zum „Wehrsport“ immer größer. So ist es zu verstehen, dass sich das Klima zwischen Sportvereinen in St. Pölten zunehmend verschlechterte.

  Sammlung Wöll Wehrturner aus St. Pölten in Bereitschaft“ am Tag als der Justizpalast in Brand gesteckt wurde (15.7.1927). Mit dabei Franz Schmaldienst (geb. 1899), der am 15.1.1943 von den damaligen Machthabern hingerichtet wurde.

1928 fand das 2. Kreisfestes des  Arbeiter- Turn- und Sportbundes in St. Pölten statt. Dem „17. Kreis“ gehörten 234 Vereine aus NÖ, Wien, der Steiermark und Kärnten an. 300 Turner und Turnerinnen sowie 60 Spielmannschaften beteiligten sich an den Wettkämpfen und beim Schlussfest auf dem Trabrennplatz (heute Regierungsviertel) konnten 4.000 Freiübungsturner und-Turnerinnen gezählt werden.

Sammlung Wöll 2. Kreisturnfest 1928 - Schauturnen auf dem Rathausplatz in St. Pölten.

Damenriege des ATV Spratzern in den 1920er-Jahren.

Sammlung Wöll 14 Tage vor dem Verbot der Arbeitersportbewegung im Februar 1934 organisierte der ATUS-St. Pölten ein großes Kinderfest. Im Bild das Organisationsteam mit Zirkusdirektor „Pipsl“ Peschek.

Die blutigen Kämpfe zwischen der Regierung Dollfuß und dem sozialdemokratischen Schutzbund im Februar 1934 führten zur Auflösung der sozialdemokratischen Partei. Am 12. Februar 1934 wurden auch die Arbeiter- Turn- und Sportvereine in St. Pölten mit über 1.000 Mitgliedern zerschlagen. In einer Chronik von Dr. Siegfried Nasko (Konkret St. Pölten 2004, Nr. 3) über die schicksalhaften Tage des „Bürgerkrieges in St. Pölten“ ist auch ein Bataillon Arbeiterturner erwähnt, das in die Kämpfe in St. Pölten eingebunden war.

Die Arbeitersportbewegung in Österreich (Wien) geht auf das Jahr 1892 zurück. Aus diesem Grund wird 2017 „125 Jahre Arbeitersport“ gefeiert.

 

Sammlung Wöll Abzeichen des Arbeiter Turn- und Sportbewegung (1919-1933).

Der erste Sportverein, der nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell in St. Pölten genehmigt wurde, war der Arbeiter-Turn- und Sportverein (ATUS).

Literatur: Wöll Ingolf (2000). Freizeit mit der Sportunion St. Pölten, Nr. 4.

Wöll, Harauer, Weber (2007). Sport in St. Pölten, LW Werbe- und Verlagsgesellschaft.