Der Christlich-deutsche Turnverein St. Pölten 1904 – 1938

19.04.2017

Sportgeschichte einer Stadt

Der Christlich-deutsche Turnverein St. Pölten 1904 – 1938
Fahne CDTV St. Pölten

(Ingolf Wöll) Odo Hahn (1866-1936) gründete 1904 den „Christlich-deutschen Turnverein St. Pölten“ (CDTV). Er wurde 1914 zum Verbandsturnwart im „Reichsverband der Christlich-deutschen Turnerschaft Österreich“ (CDTÖ) und nach dem Ersten Weltkrieg zum Obmann des „Reichsverbandes der Christlich-deutschen Turnerschaft für das Gebiet Deutsch-Österreich“ (1921-1923) gewählt.

Wesentliche Impulse, die zur Aufwärtsentwicklung der christlichen Sportbewegung in Österreich beitrugen, gingen von St. Pölten aus.

Die katholische Turnbewegung in St. Pölten

Der Beginn der Christlich-deutschen Turnbewegung in St. Pölten ging von ehemaligen Mitgliedern des Turnvereines St. Pölten  1863 aus: Odo Hahn, damals Steueramtspraktikant, trat 1888 in den deutschen Turnverein St. Pölten 1863 ein, brachte es dort zum Turnwartstellvertreter und leitete 1897 und 1898 die „Alte-Herren“-Riege. Anlässlich eines Schauturnens am 18. Mai 1898, wurden Hahns Riegenmitglieder beim Einmarsch in den Festsaal wegen ihrer christlichen Gesinnung mit Schimpfworten bedacht. Da die Belästigung  kein Ende nehmen wollte, legte Hahn deshalb sein Vorturneramt am 21. Jänner 1899 nieder und trat aus dem Verein aus.

Vereinsabzeichen des Christlich-deutschen Turnvereins St. Pölten.

Erst am 16. März des Jahres 1903 nahmen 19 Männer unter Führung von Odo Hahn die Turntätigkeit im Turnsaal der Übungsschule wieder auf. Trotz heftiger Anfeindung von allen Seiten und teilweiser Verständnislosigkeit aus nahestehenden christlichen Kreisen gelang es Odo Hahn am 13. März 1904 den Christlich-deutschen Turnverein St. Pölten (CDTV) zu gründen.

Auf das heutige Staatsgebiet von Österreich bezogen war der neu gegründete Verein in St. Pölten der erste christliche Turnverein außerhalb von Wien. In „Etlingers Gasthof“ in der Kugelgasse wurde von den christlichen Turnpionieren St. Pöltens der erste Turnrat gewählt.

Wenn auch in den Satzungen, unter § 1 festgehalten war, dass die Christliche Turnerschaft „unpolitisch“ sei, so heißt das nicht, dass Leibesübungen, ganz gleich in welchem Turnverband, in einem politikfreien Raum betrieben worden wären. Daher war auch die Freude im Verein groß „als bei der Reichsratswahl am 14. März 1907, mit Alfred Schmid und Johann Wohlmeyer zwei „Turnbrüder“ aus den eigenen Reihen in das Parlament gewählt wurden.“ Später dann, in den 1930er-Jahren, bekannte sich die CDTÖ eindeutig zur Christlichsozialen Partei Österreichs.

 

Odo Hahn mit Turnerriege 1905.

 Turnerpyramide zu ehren der im Reichsrat vertretenen „wackeren Turnbrüder“ Alfred Schmid und Johann Wohlmeyer.

Frauenturnen – Pfui Teufel!

Vorturner Franz Hromas mit St. Pöltner Turnerinnen in den frühen 1920er-Jahren

Odo Hahn mit Mädchenriege 1922

Für das Frauenturnen hatte man bei der Gründung der Christlichen Turnbewegung von St. Pölten noch keinen Platz. Die Kirche hatte keine besondere Freude damit, ja selbst im Jahr 1926 gab es noch starke Bedenken von katholischer Seite gegen das Frauenturnen. Um so erfreulicher ist es, dass der CDTV-St. Pölten das Frauen- und Mädchenturnen bereits im Jahre 1907 mit 14 Mitgliedern einführen konnte.

Der Linzer Diözesanbischof  J. M. Gföllner, ein erklärter Gegner des Frauenturnens, lehnte die damals (1926) bis zu den Knien reichenden Turnhosen der Mädchen und Frauen vehement ab. Er veranlasste sogar die österreichische Bischofskonferenz, sich gegen die Hose als Bekleidungsstück der Frauen auszusprechen. Es gab daher auch in manchen Orten Geistliche, die sich öffentlich gegen das Frauenturnen aussprachen und dadurch der Ausbreitung der Turnerschaft entgegenwirkten

Stadtarchiv St. Pölten

Der CDTV St. Pölten und vor allem Odo Hahn, hatten wesentlichen Anteil am Aufstieg der christlichen Turnbewegung in Österreich. Anlässlich des zehnjährigen Bestandfestes des St. Pöltner Turnvereins am 31. Mai 1914 wurde die Gründung des „Reichsverbandes der Christlich-deutschen Turnerschaft Österreichs“ (CDTÖ) im Gasthof Waldbauer „Zu den drei Hackeln“ (Marktgasse) vollzogen. - Mit vorerst 49 Vereinen wurde die Einheit der Christlich-deutschen Turnbewegung hergestellt.

 

Illustrierte Kronenzeitung, 27.7.1914

Am 28. Juli 1914 unterschrieb Kaiser Franz Joseph in seiner Sommerfrische Bad Ischl die Kriegserklärung.

„Freudigen Herzens und frohen Mutes“ eilten die Turner am Beginn des Krieges zu den Fahnen - oft beneidet von den noch nicht Mobilisierten. Die Begeisterung, für Kaiser und Volk zu kämpfen, erfasste die gesamte Turnerschaft. So zu lesen in Verbandsturnzeitung 1935 (F. 11/12, 36)

Turnen als Training für den Kriegseinsatz.

Nach dem Ersten Weltkrieg war es wieder die Stadt St. Pölten, in der am 12. November 1921 die Verbandsleitung der CDTÖ tagte und bei dem die Grundgesetze der Verbandsvereine einhellig festgelegt wurden. Odo Hahn aus St. Pöltner wurde zum Obmann des „Reichsverbandes der Christlich-deutschen Turnerschaft für das Gebiet Deutsch-Österreich“ gewählt (1921-1923).

Fahne aus dem Jahr 1908.

St. Pöltner Turner in der vorgeschriebenen Festtracht der CDTÖ mit Fahne (ca. 1920).

Eine große Ehre erfuhr die Fahne des Vereins durch die Segnung  des  Papstes. Die St. Pöltner Vereinsfahne begleitete 1913 sechzehn Turner aus NÖ und Wien nach Rom.

 „Wir Turner wollen sein die Sturmtruppe der Christlich-deutschen Volksbewegung zum Schutz der Heimat für ein glückliches Österreich.“ (CDTÖ-St. Pölten, Festschrift 1924, S. 20).

Männerriege des CDTV St. Pölten aus den 1920er-Jahren. Josef Langer (2.v.l.), war nach 1945 in der UNION St. Pölten als Vorturner tätig. Leopold Figl (4.v.l.), der spätere Bundeskanzler und NÖ Landeshauptmann, war während seiner Studienzeit Mitglied im CDTV St. Pölten und Leopold Harmer (6.v.l.), zählte 1945 zu den Gründungsmitgliedern der UNION St. Pölten.

EinBlick: Alle Christlich- deutschen Turnvereine in St. Pölten 1937

Vereine gegründet Mitglieder

Der Christlich deutsche Turnverein St. Pölten war 1937 mit seinen 716 Mitgliedern hinter dem CDTV-Wr. Neustadt (959) der zweitgrößte Verein in der christlichen Turnbewegung von Niederösterreich.

St. Pölten 1904 716
Pottenbrunn 1926 93
Viehofen 1928 109
St. Georgen 1931 113
Spratzern 1932 68
Stattersdorf 1935 104
    1203

 

Schauturnen (ca. 1920) auf dem Trapprennplatz (heute Regierungsviertel). Gerätekombination Reck-Barren.

Hackl einer der besten Turner im CDTV-St. Pölten. Beim Verbandsturnfest 1925 in Graz  erzielte er  im 12-Kampf den 10. Rang. L. i. Bild Leopold Harmer.

Das politische Klima verschlechterte sich in der Zwischenkriegszeit immer mehr. Die Turnverbände nahmen immer mehr militärischen Charakter an. Die Februar- und Juli- Aufstände 1934 und die Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß führten zu den unrühmlichen Bürgerkriegsereignissen.

1936 konnte in St. Pölten nach Rodung der Au und nach 10-Jähriger Bauzeit der „Sportplatz am Kugelfang(heute UNION-Sportanlage) eingeweiht werden.

Nach dem Anschluss Österreichs (1938) an das nationalsozialistische Deutschland wurde die CDTÖ sofort verboten und ihr Vermögen beschlagnahmt.

MEHR siehe Sport in St. Pölten

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