Der vergessene Turnverein von St. Pölten (1921-1938)

04.04.2017

Sport unter dem Davidstern

Der vergessene Turnverein von St. Pölten (1921-1938)
Stadtarchiv St. Pölten

(Ingolf Wöll) Obwohl die rechtliche Gleichstellung der Juden in Österreich (1867), in den meisten nicht-konfessionellen Vereinen als selbstverständlich galt, entstanden im auslaufenden 19. Jahrhundert judenfeindliche Strömungen. […] Die seit Jahrhunderten tief in der „österreichischen Seele“ verwurzelte Judengegnerschaft, die letztlich in Verbindung mit dem „rassischen“ Antisemitismus zur Katastrophe im Dritten Reich führen sollte, wurde  seit den 1870er-Jahren immer deutlicher.

Aus dem Lilienfelder Raum ist ein Kinderspiel bekannt, das die Verwurzelung dieses Antisemitismus demonstriert. Beim „Leinwandmessen“ versuchte der “Jud“ den Hausfrauen ihre Leintücher abzuluchsen. Am Ende des Spiels wurde der „Jud“ verprügelt. (Lind C. 2001, 30) Das Spiel „I bin der Jud mit 1.000 Knödeln im Bauch“, ähnlich dem Kinderspiel „Wer fürchtet sich vom schwarzen Mann?“, wurde in den 1940er-Jahren in St. Pölten gespielt. Es  deutete darauf hin, dass man sich vom Juden in Acht nehmen muss und signalisierte ganz unauffällig eine Ablehnung gegenüber dem Judentum.

Der Antisemitismus, der in allen Gesellschaftskreisen und je nach Parteizugehörigkeit in unterschiedlicher Vehemenz gepflegt wurde, gehörte 1921 in St. Pölten zum "guten Ton". Unterstützt wurde diese Stimmung noch durch diverse „völkische" Vereine. Bei mehreren Vereinen war der „Arierparagraph“, der Nichtdeutschen eine Aufnahme verweigerte und sich in erster Linie gegen Juden richtete, fixer Bestandteil in den Statuten. Darunter der Turnverein  St. Pölten 1863 (1896), der Männergesangverein (1899), der Christlich-deutsche Turnverein (CDT) St. Pölten (1904), der Alpenverein (1921) und andere.

In einem Aufruf an „Christlich-deutsche Eltern!“ heißt es in der St. Pöltner Zeitung vom 7. Juli 1921 „[…] Schrecklich ist die Verjudung an den Mittelschulen. Manche Gymnasien in Wien zeigen 70 bis 80 Prozent Juden. Die meisten aber haben 40 Prozent von solch orientalischem Gewächs […]. Die Intelligenz soll die Rechte der Einzelnen wahren. Das wird aber nie geschehen, wenn alle unsere Führer Juden sind. Schon jetzt sehen wir wohin wir mit der Judenwirtschaft gekommen sind.“ - In der „St. Pöltner  Deutschen Volks-Zeitung“ (1922) hetzt der Abgeordnete der Großdeutschen Volkspartei Dr. Josef Ursin gleich in drei Ausgaben gegen das Judentum: „[…] Ich erwähne nur kurz das eine, dass der jüdische Geist nicht nur unser ganzes Kunstwesen, unsere gesamte Literatur, sondern auch unser gesamtes politisches Leben vergiftet […]“. (1922, Nr. 8)

Der erste jüdische Turnverein in Wien wurde 1898 (Amtskalender 1912, 993) gegründet und ging aus dem Deutschösterreichischen Turnverein (1887) hervor. Es folgten der TV Zion (1900) und die Turnsektion des jüdischen Vereins jugendlicher Arbeiter (1902) (JTZ 1903 F. 1) sowie drei weiterer Vereine bis zum Jahr 1913. (Bunzl, 18) Die Gründung der jüdischen Turnbewegung kann als eine Reaktion auf den Ausschluss jüdischer Turner aus deutschen Turnvereinen gesehen werden. (Diner, 259) Impulsgebend war jedoch auch das Erwachen einer national-jüdischen Bewegung

Symbol aller national-jüdischer Sportvereine ab 1897 Quelle: Sport in Berlin 1991, 112.

Die „Jüdische Turnzeitung“ erschien zum ersten Mal im Mai 1900 und diente bis 1921 als Zentralorgan der Jüdischen Turnerschaft. Nach Gründung des Weltverbandes war die Zeitschrift „Makkabi“ (1921-1938) das offizielle Sprachrohr.

EinBlick: Die jüdische Turnerschaft  bezweckt die Pflege des Turnens als Mittel zur körperlichen Erhebung des jüdischen Stammes im Sinne der national jüdischen Idee (§ 2). Unter Nationaljudentum verstand man das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Juden auf  Grund gemeinsamer Abstammung und Geschichte sowie den Willen, die jüdische Gemeinschaft auf dieser Grundlage zu erhalten. (JTZ 1900,1)  

Der vergessene Sportverein:

„Makkabi“ - der Jüdische Turnverein von St. Pölten (1921-1938)

In den Leitsätzen des „Deutschen Turnerbundes 1919“ heißt es: Den Angehörigen des „Deutschen Turnerbundes 1919“ ist die Mitwirkung an Wettbewerben und Schauvorführungen anderer Leibesübungen betreibender Verbände nur dann gestattet, wenn daran ausschließlich Angehörige germanischer Volksstämme teilnehmen […] Anhänger internationaler Richtungen haben kein sittliches Recht, dem „Deutschen Turnerbund 1919“ anzugehören.“ (Mehl  E. 1922, 13)

Nicht alle St. Pöltner Sportvereine hatten den Arierparagraph in ihrem Statut. In einem Arbeitersportverein konnte man auch als Jude aufgenommen werden. -  Im SC St. Pölten, der in den 1920er-Jahren eine Leichtathletik-Sektion führte, betrieben eine Reihe von Juden ihren Sport.

Was nicht heißen soll, dass immer alles konfliktfrei ablief. Christoph Lind schreibt in seinem Buch „...es gab so nette Leute dort“ (36): „Emil Rabinowitz, (Sohn des Kantors), der St. Pölten Anfang der 1920er-Jahre […] verließ, erzählt von einem regionalen Leichtathletik-Wettkampf, an dem mehrere Vereine aus der Umgebung teilnahmen. Emil, der schnellste Läufer des Vereins, musste einem nichtjüdischen Läufer Platz machen. Dessen Vater, einer der Sponsoren des Vereins, wünschte nicht, dass der Klub durch einen Juden vertreten wurde. Daraufhin entschloss sich Emil, mit einer eigenen Mannschaft, die neben ihm aus einem weiteren Juden aus St. Pölten und zwei Athleten des jüdischen  Wiener Sportvereins Hakoah  bestand, an den Start zu gehen. Sie gewannen auch prompt das Staffelrennen.“

Leo Schneider (Jg. 1910), er war Mitglied im CDT, erinnert sich: „Der schnellste St. Pöltner über 100 m in den 1920er-Jahren war der Jude Schwager, er lief die 100 m um die 11 Sekunden. - Von einem jüdischen Turnverein in St. Pölten weiß ich nichts!“ (Interview Wöll, 2004)

Stadtarchiv St. Pölten

Leichtathletik-Riege des SC St. Pöltens (1921). - Dr. Martha Keil vom Institut für Geschichte der Juden in Österreich erkennt darauf fünf jüdische Sportler: Dentist Färber, Rudolf Seidler, Hans Morgenstern, Paul Gelb und Dr. Leo Willner (Präsident im SC St. Pöltens 1920-1921).

Christoph Lind: „Nachdem jüdische Kinder in den allgemeinen Sportvereinen Opfer antisemitischer Angriffe geworden waren, wurde (am 19. Juli) 1921 der Jüdische Turnverein Makkabi gegründet. In diesem Verein betrieben etwa 30 Kinder und Jugendliche  Sport.“ Geturnt wurde in der Daniel Gran-Schule. Vereinspräsident war Julius Körner, der in der Herrengasse 1 einen Trödlerladen betrieb.  Er war auch Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde und Mitglied des Bundes Jüdischer Frontsoldaten. „Er sagte immer, dass ihm nichts passieren werde, er sei vier Jahre im Ersten Weltkrieg gewesen und ein Veteran“ (Lind). Sein Schicksal ist ab dem 19. Mai 1942 unbekannt, er dürfte aber gemeinsam mit seiner Frau Adele  nach Riga, Minsk, Izbica oder Theresienstadt deportiert worden und dort ums Leben gekommen sein.

Archiv Land NÖ

Gründungsdokument für den Jüdischen Turnverein in St. Pölten.

 

Antisemitismus in den Bergen

Quelle: Buch Berg Heil

 

Aufrufe der Sektion Austria schlossen Juden von den Schutzhütten des DÖAV seit 1921 über ein Vierteljahrhundert aus.

Als Proponenten, die für die Gründung des jüdischen Turnvereins in St. Pölten. verantwortlich zeichneten, sind Erwin Kierer, Beamter der Österreichischen Länderbank, und Richard Schwager, Kaufmann in Wien, damals St. Pölten, Grenzgasse 7, in den Akten vermerkt.

Aus den Statuten geht hervor, dass nur unbescholtene Juden, beiderlei Geschlechts (ab 18 J.), ordentliche Mitglieder werden konnten. Sozusagen als „Gegenpol zum Arierparagraph“ war Nichtjuden eine Aufnahme verwehrt.

Archiv Institut für Geschichte der Juden in Österreich.

Turnerinnen und Turner des Jüdischen Turnvereins in St. Pölten (1932 oder 1933).

Letzte Reihe: Von links: Vorturner Rudolf  Gewing (2), Egon Schwartz (3), Vorturner Hermann Hahn (4), Adi Rosenblatt (5), Peter Wolf (7), Jenö Rübner (8).

Mittlere Reihe: Präsident Julius Körner (1), Grete Körner (2), Jenny Körner (4), Käthe Leicht (6), Gusti Körner (7), Jaques Kohn (10), Ella Willner (12), Nelli Wulkan (14).

Kniend: Traude Wolf (1), Alfred Berger (2).

Sitzend: Andi Heitler (1), Irma Heitler (2), Leo Schmatnik (3), Edith Löw (4), Erwin Weinberg (5), Kurt Willner (7), Antschi Willner (8).

EinBlick: Ein Augenzeuge berichtet

Alfred Berger, geb. am 13. August 1919, Wien, wohnte von 1926  bis zu seiner Flucht (1939) in St. Pölten, Handel-Mazzetti-Straße 75, danach in Iowa (USA) lebend, schreibt in einer Nachricht (2004) an Ingolf Wöll: „... Der Vorturner war bei uns allen sehr beliebt. Wir sind sehr gerne turnen gegangen und haben es selten versäumt. Mädchen und Buben turnten zusammen. Ich bin in der zweiten Reihe neben dem jungen Maidl und war 14 Jahre alt.“

Hermann Hahn war Vorturner im Jüdischen Turnverein. Sein zionistisches Engagement  sowie die Machtübernahme Hitlers in Deutschland waren ausschlaggebend, dass er am 28. Oktober 1933 nach Palästina auswanderte und dort den Namen Zwi Gol annahm. Im Buch von Christoph Lind erzählt er über die Zeit von damals: „Wir turnten zweimal die Woche und hatten außerdem noch Sitzungen. Wir waren ziemlich drinnen in dem Geschäft. - Die Burschen, die im Jüdischen Turnverein Makkabi trainierten, zögerten auch nicht, ihr Können im privaten Wettstreit mit den St. Pöltner Turnern zu messen. Austragungsort dieser informellen Wettkämpfe, die als geeignete Entgegnung auf antisemitische Vorurteile galten, war das St. Pöltner Schwimmbad. Im Schwimmbad, dem Kaltbad, gab es auch eine kleine Sportecke. Und die Burschen vom Christlich Deutschen Turnverein, das waren schon alle richtige Nazi, haben dort geturnt.“

Leo Schneider, ehemals Turner im CDT, spricht von einer Fehlinterpretation: „Dass die Turner der CDT eher alle Gegner der Nazi waren steht für mich außer Frage -  Die christliche Turnerschaft wurde deshalb genauso wie die Jüdische nach dem Anschluss 1938 aufgelöst!“ (2004) - Fest steht allerdings, dass auch im katholischen Turnverband kein Platz für Juden war.

Zwi Gol erinnert sich, dass diese bestenfalls 1,30 m hoch sprangen. Er aber schaffte 1,60 m. Auch im Weitsprung „sprang jemand von uns zwei Meter mehr. Sie kochten. Sie hatten ja gelernt, dass Juden feig und untüchtig sind, und nun sprang ein Jude zwei Meter weiter als sie.“

Dass in der Erinnerung die eine oder andere sportliche Leistung  mitunter nicht ganz den Gegebenheiten entspricht, ist hier zweitrangig. Tatsache ist, dass jüdische Sportlerinnen und Sportler die St. Pöltner Sport-Szene in der Zwischenkriegszeit mitprägten und Zwi Gol dürfte ein vielseitiger Sportler gewesen sein: „Ich habe Österreich gekannt, besser als die meisten Österreicher, denn ich war jeden Sonntag draußen, und es gibt kein` Spitz, auf dem ich nicht war, von der Reisalm bis zum Großglockner [...].“

Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) St. Pölten umfasste mehrere Bezirke. Bei der Volkszählung 1934 bekannten sich in diesem Gebiet 809 Menschen zum Judentum. Das „jüdische Zentrum“ der Region lag mit 310 Mitgliedern in der Stadt St. Pölten.

Nach den „Nürnberger Gesetzen“ galten 1938 399 Personen als Juden. (Lind C. 2004, 192). Nach dem Anschluss an das Hitler-Deutschland (1938) begann die Zerstörung der Jüdischen Gemeinde: „Arisierung“ jüdischer Geschäfte, Berufsverbote, systematische Demütigung, „Ausschulung“ der Kinder, erste Deportationen u.v.a.m. sorgten für ein Sterben des jüdischen Lebens in St. Pölten.

Nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs nahm die Judenverfolgung im nun erweiterten gesamtdeutschen Reich zu. Der Jüdische Turnverein St. Pölten wurde gemäß § 1 des Gesetzes vom 17. Mai 1938 am 19. September 1938 unter Aufhebung seiner Rechtspersönlichkeit zwangsweise in „Makkabi Wien“ eingegliedert und aus dem Vereinskataster gelöscht.

Zeichnung Gerhard Fink - 

Synagoge in St. Pölten. Erbaut 1912/13

Stadtarchiv St. Pölten

 

Die Einleitung der Kundmachung bezieht sich auf das tödliche Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath durch Herschel Feibel Grynszpan, einem in Deutschland aufgewachsenen Juden mit polnischer Staatszugehörigkeit.

Die IKG in St. Pölten hatte die Zeit bis 1938  relativ gut überstanden. Danach wurde sie durch die Nationalsozialisten verfolgt und in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch der Tempel an der Schulpromenade (Dr. Karl Renner-Promenade) im Inneren völlig zerstört. Waren vor 1938 in St. Pölten etwa 80 jüdische Familien ansässig, so gaben 2007 nur mehr sechs Personen in St. Pölten als Religionsbekenntnis mosaischen Glauben an. (Statistik Stadt St. Pölten) > MEHR

Zum Weiterlesen: Die Geschichte der Juden in St. Pölten wurde von Dr. Christoph Lind aufgearbeitet. Siehe Buch: „…es gab so nette Leute dort“.

Residenz Verlag

Geschichte des Antisemitismus

Literatur:

Strohmeyer H.  (1998). Turnen und Sport in der Geschichte Österreichs, ÖBV

Lind C. (1998). „...es gab so nette Leute dort“, NP Buchverlag.

Lind C. (2002). „... sind wir doch in unserer Heimat als Landmenschen aufgewachsen...“, Landesverlag.

Wöll, Harauer, Weber (2007). Sport in St. Pölten, LW Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH.

Ingolf Wöll, (2016). Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei, Residenz Verlag.