Im Gedenken an Fritz Wöll

11.05.2016

1969 schrieb Sepp Walcher in der Österreichischen Bergsteiger-Zeitung (Nr. 5, Wien, Mai 1969, 47. Jg.) im Gedenken an Fritz Wöll (1986-1969) folgenden Artikel.

Aus der Jugendzeit zweier alter Bergsteiger

Vor 56 Jahren fuhren zwei junge Bergsteiger mit dem letzten Zug nach Puchberg: Damals ging die Fahrt noch vom Aspangbahnhof über Sollenau, aber deswegen nicht schneller als heute. Als wir aus dem Zug stiegen, war es 22 Uhr 15 Minuten. Der hartgefrorene Schnee knirschte unter unseren Tritten auf dem Marsch hinein zum Mieseltal. Schwarz war der Himmel, aber in weiter Ferne funkelten Sterne und im Licht des Mondes leuchtete vor uns der tiefverschneite Schneeberg. Im Schatten des Waldes stapften wir dann das Mieseltal hinauf, bis wir den Baum mit der Wegtafel fanden, der den Beginn des unteren Herminensteiges kennzeichnet. Um die mitternächtliche Stunde erreichten wir den Einstieg, der völlig im Schatten lag, aber von dem aus wir in Ruhe den Zauber der stillen Mondnacht bewundern konnten. Angeseilt, das rechte Handgelenk in der Pickelschlinge, überspreizte ich die Kluft zwischen Schnee und Fels und kletterte aufwärts: Fritz kam rasch nach und bald hatten wir die kleine Mulde erreicht, von der der Kamin zum Band hinaufführte. Seine Wände sind im Sommer recht glatt; jetzt waren sie dazu noch fein säuberlich mit Wassereis glasiert. Aber wir erinnerten uns gegenseitig an das Gespräch einiger älterer Bergsteiger, die im Waggon in unserer Nähe saßen und sich über die Maije und das Matterhorn unterhielten, und Fritz meinte, als ich den finsteren und eisigen Schlund etwas skeptisch betrachtete, dass es an der Meije und am Matterhorn bestimmt solche Stellen massenhaft geben werde. Diese beiden Berge waren natürlich das Ziel unserer großen Wünsche, für ihre Ersteigung übten wir uns ja, und so gab es kein längeres Besinnen; den Pickel bei Fritz lassend, mühte ich mich den Kamin hinauf und war froh, wie ich das kalte finstere Loch hinter mir hatte.

Auf den weiteren Weg hinauf zum Grafensteig und hinüber zum Beginn des Oberen Herminensteiges leuchtete uns dann freundlich der Mond. Zum Glück war der Schnee fest gefroren, sodass wir nur selten einbrachen und gut aufwärts kamen. Als wir uns dann in den Felsen der oberen Hälfte des Steiges bewegten, manchmal auch stufenschlagend, steile und harte Schneefelder hinter uns brachten, mischte sich allmählich das Licht des Mondes mit der beginnenden Morgendämmerung. Unter einer überhängenden Wand rasteten wir das erste Mal; es war merklich kälter geworden, und wir hatten Hunger. Zwischen Fels und Schnee, auf einem ebenen Plätzchen, auf dem auch die Gämsen, wie wir bemerkten, gerne rasteten, ließen wir uns häuslich nieder. Fritz kochte Tee, ich suchte aus seinem Sack die Wurst und das Brot. Plötzlich prasselte Schnee, gemischt mit Steinen, auf uns herab. Entsetzt fuhren wir beide auf und erblickten ober uns, am Rande der Wand, unter der wir saßen, ein Rudel Gämsen. Im ungewissen Zwielicht von Mondenschein und Morgendämmerung hatten wir den Eindruck, als ständen sagenhafte Urwelttiere ober uns. Sie äugten neugierig auf die Eindringlinge in ihr Reich herab; beehrten uns noch mit einer Ladung Schnee und Geröll und waren, lautlos wie sie gekommen, wieder verschwunden.

Als wir die letzten Felsen hinter uns hatten, war es 5.30 Uhr morgens ge = worden. Der Horizont im Osten leuchtete in allen Farben und immer mehr tauchte die glutrote Sonnenscheibe aus dem Flammenmeer empor. Herrlich war es, auf dem harten Schnee hinüberzuwandern zum Damböckhaus, das geschlossen war, und weiter hinauf zur alten Fischerhütte, deren Winterraum einem Eisloch glich, in das wir nur flüchtig blickten. Im hellen Licht der Morgensonne standen wir dann auf dem Gipfel des Berges, umweht vom eisigen Morgenwind, der uns auch gleich den Abstieg auf Eis und Schnee zur Kientalerhütte antreten ließ. Bei ihr gab es eine kurze Essrast, ehe wir uns in das Reich der winterlichen Weichtalklamm begaben. Ihr glitzernder Eispalast schenkte uns noch manche „vergnügliche“ Augenblicke. Etwas nach Mittag erreichten wir dann das damals noch vorhandene Touristenheim Weichtal, gingen aber stolz vorbei und hinein zum Beginn des Großen Höllentals. Zu jener Zeit gab es noch keinen Schönbrunnersteig, dafür aber den romantischen Beginn des Großen Höllentales, mit der Futterhütte und der malerischen ersten Wiese. Das schmale Steiglein, das zum Einstieg des Akademikersteiges hinaufführt, war zum Teil schon schneefrei und oben bei der Einstiegshöhle sahen wir sogar die ersten blühenden Aurikeln.

Damals war es Vorschrift, dass der Pickel bis zur Brust reichen musste, und so der meinige ziemlich lang und zum Klettern just nicht gut geeignet, aber er war ein echter Schweizerpickel von Fritz Jörg aus Zweilütschinen, Berner Oberland, und so trug ich ihn doch mit mehr oder weniger Stolz in der Schlinge am Handgelenk, wenn er auch so manches Mal recht hinderlich war. Dafür unterbrach er die Stille mit seinem Klirren und Scheppern und zeigte dadurch an, dass wir, trotz einiger Müdigkeit, gut vorwärts kamen. Eigentlich war diese Kletterei auf dem sonnigen Steig das Angenehmste unseres Weges, denn kaum hatten wir den Ausstieg und damit den Wachthüttelkamm erreicht, begann ein  mühsames Schneestapfen, das erst um 18,30 Uhr bei der Speck = bacherhütte endete. Dort wurden wir freu = dig aufgenommen, prächtig untergebracht und köstlich verpflegt. Wenn ich mich noch recht erinnere, führte damals das Ehepaar Moll die Wirtschaft.

Genau 56 Jahre später, am 23. März 1969 haben wir dann meinen lieben Freund und Klubkameraden vom ÖAK im Waldfriedhof von St. Pölten der Mutter Erde übergeben. Fritz war eine schöne lange Laufbahn als Turner und Bergsteiger beschieden; viele Bergwünsche sind ihm erfüllt worden und ein großer Kreis von Gefährten, Kameraden und Freunden war ihm beschieden. Aber was immer auch uns beiden in den Bergen als Erfolg beschieden war, was wir auch Schönes, Schwieriges in der Nähe und Ferne erlebten, am hellsten leuchten doch die Tage der Jugend; von einem der vielen wurde hier erzählt. Meinem lieben Berggefährten und Turnbruder rufe ich zum Abschied noch zu: Auf Wiedersehen, lieber Fritz, im Reiche der himmlischen Berge!