Prof. Gunnar Prokop im Interview

08.06.2015

Prof. Gunnar Prokop im Interview
Gunnar Prokop

Das nachstehende Interview (2015) ist dem Buch von Ingolf Wöll "70 Jahre SPORTUNION - Geschichte(n) aus der christlichen Sportbewegung Österreichs" entnommen. Das Buch ist im September 2015 im Residenzverlag erschienen und kann in diesem und im Buchhandel bestellt werden.

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Nachgefragt bei Prof. Gunnar Prokop, dem erfolgreichen Trainer und Sportmanager Österreichs, der seit 1948, damals kaum acht Jahre alt, der UNION angehört ( 20. Mai 2015).

Erinnerungen an deinen Eintritt in die UNION?

Prokop: Natürlich! Trotz der widrigen Umstände nach dem Zweiten Weltkrieg zählen die Erlebnisse bei der UNION-St. Pölten zu meinen schönsten Jugenderinnerungen. Wenn auch die Turnsäle extrem kalt waren, die Fenster zum Teil mit Brettern vernagelt waren, verstanden unsere damaligen Übungsleiter, ich kann mich an jeden einzelnen noch erinnern, uns zu motivieren und zu begeistern. Nicht nur in der Turnstunde, sondern auch am Wochenende bei Wanderungen Bergfahrten und bald beim Skilaufen und Klettern. Es entstanden damals Freundschaften, die für ein ganzes Leben reichen.

 

Sehr bald gehörtest du zu den besten Turnern - warst Vereinsmeister 1961 und 1962 – vielseitig als Leichtathlet, Bergsteiger, Kletterer, Skiläufer und Jungfunktionär. Wieweit hat die UNION dein späteres Leben beeinflusst

 

Prokop: Ja, ich muss da an deinen Vater denken, der uns alle, dich, mich und viele andere, als Turnlehrer und väterlicher Freund gefördert und geprägt hat, der uns in jungen Jahren Aufgaben übertrug mit denen wir gewachsen sind. - Es entstand damals bei mir die Liebe zu den Bergen. Ich lernte mich in schwierigen Situationen durchzubeißen und gerade das frühe Kennenlernen des Überwindungsfaktors hat mir später geholfen Erfolge als Trainer in der Leichtathletik, im Handballsport und im Beruf zu erreichen. - Ich erinnere mich z. B. an die Durchsteigung der Direttissima auf der Großen Zinne Nordwand. Mit Kurt Ring, einem erstklassiger Bergsteiger, der auch teilweise mein Vorturner war, leider am Dhaulagiri verunglückte, schafften wir die siebente Begehung, erstmals mit nur einem Biwak. Das entwickelt Selbstvertrauen, da wächst man über sich hinaus.

 

Du giltst heute als zielstrebige Sportmanager-Legende in Österreich. Wenn du die ersten 30 Jahre mit den letzten 30 Jahren in der UNION vergleichst – was hat sich gravierend verändert?

Prokop: Zu meiner ersten Aufgabe gehörte, gemeinsam mit Freunden eine UNION-Jugendgruppe aufzubauen. Parallel zum mehrmaligen Sporttraining gab es wöchentliche Heimabende und Schulungen. Wenn ich denke, dass ich als 16jähriger in den Weihnachtsferien Skikurse mit über 30 gleichaltrigen und älteren Mädchen und Burschen auf entlegenen Hütten leiten durfte, die von Zusammenhalt, Kameradschaft und Disziplin begleitet wurden, so waren diese zwar von Einfachheit geprägt, aber es steckte viel Herzblut dahinter. Heute läuft alles viel professioneller ab und ist zumeist mit viel Bürokratie und Geld verbunden.

Deine größten Erfolge?

Prokop: Wenn ich da mit der Liese beginnen darf. Sie war 1968 Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen in Mexiko, 1969 die erste Europameisterin Österreichs und im gleichen Jahr stellte sie zwei Weltrekorde im Fünf-Kampf auf. Erfolgreich war ihre Schwester Maria Sykora bei der Europameisterschaft über 400m mit Bronze und bei der Wiener Hallen-EM holte sie Gold über 800m. Sie lief drei Weltrekorde über 400m Hürden und 600 Yard in Amerika. Ich glaube auch, dass ich als Konditionstrainer an den Erfolgen von Eva Janko, Ilona Gusenbauer danach auch bei Karl Schranz und Trixi Schuba mitgewirkt habe. Bei Staatsmeisterschaften in der Leichtathletik sind die von mir trainierten Sportlerinnen und Sportler ganz sicher auf 100 Medaillen gekommen. Davon haben Liese ca. 50 und Maria ca. 35 erworben - (kurzes Nachdenken). Beim Zustandekommen des Bundessportzentrums in der Südstadt hatte ich wesentlichen Anteil und als Internatsleiter über 38 Jahre habe ich viele Sportler zu ihren internationalen Erfolgen begleitet. Was den Handballsport betrifft schaffte ich mit HYPO, ein UNION-Aushängeschild, acht Europacupsiege und insgesamt waren wir 13 Mal im Finale. Auch die Erfolge mit dem Nationalteam können sich sehen lassen.

 

1988 stelltest du die in einem Interview in Seoul Sinnhaftigkeit der Dachverbände in Frage.

Prokop: Es ging damals in einem Resümee vor laufender TV-Kamera ausschließlich um den Spitzensport in Österreich und nebenbei noch um Doping. Ich war immer der Meinung, dass man ohne Vorwurf über Gegebenheiten nachdenken und reden darf, zumal sich die UNION 1945 ja selbst einen Einheitsverband wünschte. Die Dachverbände leisten gute Arbeit für den Breiten-, Gesundheits- und Jugendsport, zumeist unter ehrenamtlicher Leitung, und der Spitzensport wird heute von den Fachverbänden betreut.

 

Deine Forderung nach Freigabe von Dopingmittel

Prokop: Das stimmt so nicht. Ich sagte damals (1988), dass eine Freigabe von Doping die ehrlichste, aber nicht die sinnvollste Lösung wäre und weiter, dass der Gebrauch von Anabolika unter Aufsicht von Ärzten eine trainingsunterstützende Maßnahme sein kann und trat für eine Entkriminalisierung ein. Es löste heftige Diskussionen in den Medien aus. Fast 30 Jahre später gibt es noch immer keine für alle zufriedenstellende Lösung.

Prof. Dr. Ludwig Prokop 1988 (Profil Nr. 40) weiß um die späten leiden der Muskelprotze: „Schwere Leiden des Magen-Darm-Kanals, der Leber und der Niere, (haben) schon zu mehreren Todesfällen geführt.

Die UNION startete im Herbst 2009 das österreichweite "Anti-Doping" Projekt und bietet mit diesem „Aufklärungs-Workshop“ einen umfassenden Einblick rund um das Thema „Doping im Breitensport

 

Das heißt die UNION ist heute auf dem richtigen Weg, wenn sie sich vorrangig um den Breiten- Freizeit und Erholungssport konzentriert? 

Prokop: Eindeutig! Der Spitzensport ist zu einer eigenen Schiene geworden. Das vielgelobte Pyramidensystem im Sport stimmt heute nur in Ausnahmefällen. Talente müssen früh erfasst werden und an kompetente Leute in den Fachverbänden weitergereicht werden und natürlich auch dementsprechend gefördert werden. Es ist nicht Aufgabe der Dachverbände Sportler die bereits im Profibereich angesiedelt sind, mitunter hochbezahlt, zu fördern. Finanzielle Unterstützung brauchen Nachwuchskräfte die für den Spitzensport geeignet sind!

Wann kommt die Tägliche Turnstunde?

Prokop: So wie sie jetzt aufgezäumt wird nie. Dabei geht es nicht ausschließlich ums Geld. Es müssen Konzepte entwickelt werden die auch realisierbar sind. Ein solches liegt bislang nicht vor. Mir fehlt auch ein flächendeckendes Ausleseverfahren um geeignete Schüler für den Spitzensport zu entdecken.

Was hältst du von den Projekten die von den Dachverbänden angeboten werden? 

Prokop: Grundsätzlich tut jeder Sportimpuls unserer Gesellschaft gut. Mir fehlt bei vielen dieser Projekte die Nachhaltigkeit. Ein Zuwachs an jungen Mitgliedern in den Verbänden ist in den letzten Jahren lt. Sportjahrbuch nicht gegeben. Dazu kommt, dass man bei der Gestaltung auf die Grundsportarten zumeist vergisst.

Wie denkst du heute über deinen Sager „Frauen zurück an den Herd? 

Prokop: Hausfrau und Mutter sein wird bei uns nicht sehr geschätzt. Meine Aussage war plakativ und wurde sofort von den Medien spektakulär aufgegriffen. Ich bin ein Familienmensch und gleichzeitig der Meinung, dass jedem Kind eine Begleitung der Mutter in den ersten Lebensjahren gut tut, ja notwendig ist. Es kann nicht sein, dass die ganze Verantwortung der Kindererziehung an den Staat abgegeben wird. Meine Aussage von damals ist auch heute, dem Sinn nach gerechtfertigt und hat für die Zukunft unseres Landes mehr Bedeutung als man heute glaubt.

Danke für das Gespräch.

 "Treffpunkt Vergangenheit"

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